Freitag, 17. Februar 2012
BranchOut als Karrierenetzwerk innerhalb von Facebook
Ein Kontakt innerhalb von Facebook hat mir gerade eine Anfrage geschickt, ich solle doch mal BranchOut ausprobieren. Ein kurzes Einführungsvideo beschreibt BranchOut als unvergleichbaren Karrieremotor - mehr erfahre ich darüber aber nicht.
Datenzugriff
Ein schneller und unüberlegter Klick würde für das Programmchen Zugriff auf zahlreiche meiner Daten erlauben:
- Alle öffentlich gemachten Infos - egal, nur zu!
- Wohnort, Ausbildung, bisherige Arbeitgeber - naja, bin Freiberufler - sind also keine Geheimnisse
- Infos, die andere mit mir teilen: Aktuelle Städte, Ausbildung bisherige Arbeitgeber - darüber schreibe ich gleich!
- Erlaubnis zum Senden von Emails
Das einzig Problematische, das ich schonmal in der Datenanforderung erblicke ist, dass sich "Infos, die andere mit mir teilen" so anhört, als würde ich hier den Zugriff auf diejenigen Daten meiner Kontakte erlauben, die meine Kontakte mit mir teilen. Es klingt für mich zumindest genauso. Oder sind mit dem Ausdruck "die andere mit mir teilen" lediglich öffentlich geteilte Infos gemeint? Ich mutmaße: Nein!
Diese Unsicherheit alleine würde eigentlich reichen, um den Dienst abzulehnen, ohne dass ich den weiteren Nutzen von BranchOut untersuchen müsste. Das was jetzt kommt ist nicht mehr so tiefgreifend, sondern erklärt nur noch zusätzliche Bedenken bzgl. Facebook als Karriereplattform.
Facebook privat oder Facebook beruflich
Die meisten Nutzer bei Facebook dürften inzwischen gelernt haben, dass persönliche Daten heikel sind. Wenn man schon gedankenlos Dinge über sich ins weltweite Netz stellt, dann zumindest die Kontrolle darüber bewahren. (Ob das überhaupt geht, kann man anderswo nachlesen.)
Kontrolle bewahren heißt, Einträge nur an Kontakte freigeben und auch Fotos für die Öffentlichkeit sperren.
Wer Facebook ausschließlich beruflich nutzt und zig-mal überlegt, welche Infos er darin mitteilt, kann eigentlich aufhören zu lesen. Sofern man aber Facebook als Privatdatenwiese nutzt, gilt das folgende.
Fleißig wird sich mit Freunden über die letzten Parties unterhalten, seine Stammtischreden durch das Netzwerk gejagt oder einfach nur darüber gesprochen, wann man mit wem dieses Jahr in den Urlaub fährt.
Das ist privates Umfeld. Jetzt kommt aber ein Werkzeug namens BranchOut daher, das so perfekt seine Arbeit im Bereich Karriereförderung machen kann, wie man es sich nur vorstellen kann. (Ich weiß übrigens nicht, ob es seine Arbeit perfekt macht, denn ich hab's mir noch nicht angesehen, siehe Abschnitt unter der ersten Überschrift dieses Eintrags.)
Die Güte des Werkzeugs ist egal. Sobald man innerhalb eines überwiegend privat genutzten Netzwerks plötzlich Leute ins Netzwerk holt, die aus dem eigenen beruflichen Umfeld kommen, kann man schnell Probleme bekommen. Es ist egal, ob BranchOut die privaten Inhalte von den Geschäftskontakten fernhält (was es übrigens tatsächlich tun soll nach Auskunft eines Mitarbeiters). Es ist auch vollkommen wurscht, dass man eventuell darüber ein super Jobangebot bekommen wird (das bekommt man dann über andere Dienste auch). Denn eines wird zum Problem:
Eine Kommunikation ist entweder privat oder beruflich. In unserer Gesellschaft herrscht eine Trennung dieser beiden Lebensbereiche. Das äußert sich dadurch, dass man sich bei Bewerbungsgesprächen anders benimmt als auf privaten Partys. Man versucht seriöser zu wirken (meistens seriöser als man eigentlich ist). Zu allem Übel wird im Berufsumfeld auch schonmal auf die Kleidung geachtet, die so gar nicht der Weggehkleidung gleichen möchte.
Ob das schön oder nicht schön ist und dass der Personaler auch irgendwann mal besoffen in einer Cocktailbar hängt, kann man irgendwo ausdiskutieren. Es ändert nämlich nichts an der Tatsache, dass der wieder nüchterne Personaler trotzdem seine Entscheidung im Zweifelsfall an weißen Socken und unrasiertem Gesicht festmachen wird.
Aber wie kommt's dazu, dass er Details rauskriegt, die doch so perfekt im Privatbereich von Facebook versteckt sind? Da braucht es nicht einmal einen Softwarefehler, damit das passiert. Man lernt also über BranchOut einen Personaler oder einen möglichen Geschäftspartner kennen und tauscht Nachrichten aus über mögliche Jobs und über Erfahrungen. Beim ersten Austausch ist noch nix dabei aber man bleibt in Kontakt - vorerst über BranchOut. Und nach einem halben Jahr schickt der findige Personaler eine Kontaktanfrage über Facebook, weil er ja jetzt einen interessanten Job hätte. Wer wird denn da Nein sagen?
Und hab-ichs-nicht-gesagt verschwimmt schon Beruf und Privates bei Facebook. Wer da jetzt noch trennen möchte, mit wem man was teilt, der muss sich mit den Facebooklisten schon sehr gut auskennen und diesen schon äußerst stark trauen.
Mein Tipp: Privat und beruflich trennen. Solange Facebook unberechenbar im Bezug auf das Handling der Daten hat und solange solche Anfragen für Datenfreigabe kommen, die sich auf unsere Kontakte beziehen, ist Facebook tabu für alles was über Privates hinausgeht. Dafür gibt es spezialisierte Plattformen.
BranchOut würde für mich erst dann interessant, wenn ich wirklich absolut vertrauenswürdigen Einblick in die Arten der geteilten Daten hätte, wie die Anbindung zu Facebook erfolgt usw. Und selbst dann würde ich als Jobinteressent meine potentiellen Arbeitgeber unnötigerweise auf meinen privaten Datenpool bei Facebook aufmerksam machen. Muss ja nicht sein. Sollen selbst danach suchen!
Als Schlussgedanke vielleicht folgendes:
Eigentlich sollte ja im Netz sowieso nix drinstehen, was man nicht mit
dem Megaphon über den Marktplatz plärren würde - bei laufenden
BBC-Kameras - zur besten Sendezeit.

